Seinen eigenen Fehler einsehen
Es hat schon etwas demotivierend niederschmetterndes wenn der Vortragende (Alfred Pfabigan) seine LV damit beginnt, er habe sich in den letzten Jahr wohl geirrt und werde dies ausbessern. Auch auf seiner Internetseite stehen Worte die so ein bisschen eine liebe zum „falsch machen“ zu sein scheinen:
“Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.” (Samuel Beckett: Worstward Ho)
Es ist auf keinen Fall falsch, einen Fehler einzusehen. Nein, es ist sogar sehr mutig (vor allem als Vortragender). Aber es hat etwas komisches, bei mir steigert es die Kritikbereitschaft -und das ist gut so, vielleicht auch Beabsichtigt?
Den Fehler den er machte, oder gemacht zu haben meint, ist die unzureichend durchdachte Verbindung der Wörter Globalisierung und Moral. Hinter beiden Wörtern steht eine große Diskusion dahinter. Doch beide auf verschiedenen Ebenen der Diskusion. Was ist Globalisierung? Was ist Moral? „Globalisierung“ kann kulturell bzw. soziologisch und ökonomisch begriffen werden. Die Definition der „Moral“ ist kulturell bzw. soziologisch Abhängig. Somit treffen sich diese beiden Themen auf komplett verschiedenen Ebenen der Diskusion und können somit, nicht so einfach in einem Titel genannt werden, ohne eine gewisse Unvollkommenheit im Sinne zu haben.
Pfabigan versucht die Globalisierung, dem schon viele eingespielte Narrative zugrunde liegen, als eine aktuelle Selbstdefinition der westlichen Gesellschaft darzustellen, die seit der „Moderne“ sich und die Vergangenheit als erster selbst benannte und auch weiterhin zu benennen versucht. Der Einspruch eines Studenten, auch die Moderne habe eine Postmoderne und wurde erst später definiert, lässt er im Raum stehen.
Als lokale Beispiele der Globalisierung führt Pfabigan ein Gemälde im Wiener Belvedere an, welches eine ältere Bäuerin darstellt, welche mit einem großen Sack Zwiebeln zum Markt unterwegs ist. Diese 15kg Zwiebel regelmäßig in die Stadt zu tragen war rentabel bis die Eisenbahn schnell und frisch Gemüse aus Ungarn brachte. Der Preis sank und was von der lieben Zwiebelfrau übrig bleibt, ist das leidvoll schöne Gemälde im Belvedere.
Dass Definitionen Falsch sein können aber deswegen moralisch nicht schlecht sind, sieht man am Beispiel der Behandlung der Tuberkulosekranken im 19.Jahrhundert in Wien. Die Tuberkulose, eine allgemein als eine „Arbeiter-Krankheit“ angesehene Seuche, war laut Sozialdemokraten eine Folge der schlechten Wohnumstände, und führte somit zur Erbauung schöner (nach dem Prinzip von „Licht, Luft, Sonne“) und erschwinglicher Gemeindebauten, die die Seuche zwar nicht direkt beseitigten, jedoch dazu beitrug.
Pfabigan wollte hier, so meine ich, eine Analogie zur Definition von Globalisierung machen. Auch wenn Globalisierung falsch verstanden bzw. definiert werden sollte, kann sie zum „guten“ führen.
So nimmt er Beispielsweise Nico Stehr´s (Die Moralisierung der Märkte) These (Zeit-Rezension), die ökonomische Welt werde moralischer und bringt den Fordismus („Jedem Arbeiter sein Auto und sein Häusschen“) als Beispiel, in welchem der Arbeiter gleichzeitig Produzent und Konsument ist und somit Marx´s Kritik der Entfremdung nicht zutreffen soll.
Dem Konzept des Fordismus, der Arbeiter wolle nur das was er brauche, wird der Neffe Sigmund Freuds gegenübergesetzt, der nach seiner Emigration in die USA sich der Werbung widmete. Die Werbung, welche das Wunschpotenzial, welches nach S. Freud unermäßlich ist, anregt.
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